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Warnung vor Zweitmeinung durch Ferndiagnose

Studien zeigen vielfach, dass das Messer in der Chirurgie oft sehr locker sitzt. Deshalb startete ein Zusammenschluss von zwölf führenden deutschen Chirurgen ein ungewöhnliches Projekt. Unter dem Namen “Vorsicht! Operation” haben sie ein Internetportal eröffnet, auf dem sich Patienten eine Zweitmeinung einholen können. Der Berufsverband der Chirurgen mahnt allerings zur Vorsicht vor “Vorsicht Operation” und einer Zweitmeinung per Ferndiagnose im Internet. 

Warnung vor Zweitmeinung durch Ferndiagnose
Warnung vor Zweitmeinung durch Ferndiagnose

Jedes Jahr werden in Deutschland bis zu 40.000 Amputationen bei Diabetikern durchgeführt. Mehr als die Hälfte dieser Operationen wäre vermeidbar, wenn die Füße der Diabetiker regelmäßig untersucht würden. Untersuchungen aus Deutschland und den USA belegen beispielsweise, dass ein Drittel aller Knieoperationen überflüssig ist. Vor allem Knorpelglättungen und Knorpelspülungen müssen nicht sein, da Patienten keine Vorteile dadurch haben. Das wurde unter anderem in einer amerikanischen Studie belegt. Vor diesem Hintergrund starteten Chirurgen nun ein neues Projekt. Unter dem Namen “Vorsicht! Operation” haben sie ein Internetportal eröffnet, auf dem sich Patienten eine Zweitmeinung einholen können.

“Besonders vor größeren operativen Eingriffen ist es wichtig gut informiert zu sein und Zweifel bezüglich Therapie und Arztwahl rechtzeitig auszuräumen”, heißt es auf der Internetseite von Vorsicht Operation“.  “Ich kann nicht zusehen, wie da draußen Operationen gemacht werden, die dem Patienten nichts bringen, sondern nur dem Arzt nutzen”, sagte der Heidelberger Knie-Experte Hans Pässler, einer der Gründer des Portals. Röntgenbilder und andere medizinische Daten können eingesendet werden – nach zwei Wochen bekommen Patienten Bescheid. Die Kosten liegen dafür bei 200 bis 600 Euro. Die Kritik der Kollegen ließ nicht lange auf sich warten.

„Diagnostische Ergebnisse alleine reichen für eine fundierte Entscheidung zum Wohle des Patienten nicht aus. Wir müssen den Patienten und auch sein soziales Umfeld als Ganzes betrachten. Und das vor allem, wenn es um einen größeren operativen Eingriff geht. Denn wir operieren Menschen und keine Röntgenbilder“, sagt Professor Hans-Peter Bruch. Er ist der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Chirurgen (BDC).. „Eine kostenpflichtige Online-Zweitmeinung per Ferndiagnose, wie bei www.vorsicht-operation.de sehen wir deshalb kritisch.“ Und: „Eine fundierte kostenfreie Zweitmeinung ist bereits heute gelebte Praxis in der deutschen Chirurgie. Sie wird von den Kassen getragen und steht jedem Patienten offen. Wir möchten Patienten auffordern, ihr Recht auf eine Zweitmeinung gezielt einzufordern, wenn sie unsicher sind“, sagt der Präsident des BDC.

Grundsätzlich habe der Bundesverband der Chirurgen nichts gegen eine Zweitmeinung auszusetzen: Eine ärztliche Zweitmeinung sei nicht nur für den Patienten eine wichtige Maßnahme. „Auch für den behandelnden Arzt ist eine zweite Meinung eines Kollegen wichtig“, betont Bruch weiter. Damit könne der Arzt seine Diagnose absichern, sich über die Weiterbehandlung des Patienten austauschen und den Therapieverlauf verbessern. Nur die Ferndiagnose im Internet wird von der Chirurgen kritisiert.

Für problematisch hält etwa der Vizepräsident des Bundesverbandes für Fachärzte (BVOU), Dr. Andreas Gassen, dass die Zweitmeinung vor allem anhand von technischen Unterlagen (MRT- und Röntgenbefunden) erstellt werde – ohne dass die Gutachter die Patienten gesehen haben. Die Daten werden lediglich online eineschickt. Bedenklich hoch findet er dafür auch die Gebühren von 200 bis 600 Euro, erklärte er gegenüber der Ärztezeitung. Dafür könne der Orthopäde bei Privatpatienten gerade mal 21 Euro für eine Untersuchung mit Beratung abrechnen. Bei gesetzlich Versicherten sei das Honorar noch geringer.

Auch die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft lehnt eine alleinige Beurteilung nach der Durchsicht von Röntgen – und MRT – Bildern und der Einsendung weiterer Befunde (siehe: www.vorsicht-operation.de) konsequent ab. Ohne den Vorwurf wirtschaftlicher oder finanzieller Beweggründe der Inauguratoren der Internetseite argumentativ aufgreifen zu wollen, ist eine Überprüfung der Indikationsstellung zu einem Eingriff, unabhängig von dem zu operierenden Organ, an das individuelle Kennenlernen des Patienten, an die Erfassung seiner Anamnese, an eine Untersuchung und persönliche Beratung unter der Zusammenfassung und Bewertung aller Befunde erforderlich. Diese Voraussetzungen kann und wird eine kommerziell aufgebaute Internetberatung gegenwärtig und auch in der Zukunft nicht erfüllen können. Eine Stellungnahme, die populistisch mit den Ängsten von Patienten umgeht und nicht die einfachsten Grundlagen der ärztlichen Beratung erfüllt, ist ungeeignet zur Einholung einer Zweitmeinung.

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