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„Beipackzettel machen Patienten krank“

Placebo-Effekte wurden in der Medizin sehr lange eher als störendes Phänomen betrachtet. Nun eröffnen neue Erkenntnisse auch neue Möglichkeiten: Schmerzen erfolgreicher zu bekämpfen, Nebenwirkungen zu verringern und die positiven Effekte von Arzneien zu fördern.

"Beipackzettel machen Patienten krank"

„Beipackzettel machen Patienten krank“

Dr. Ulrike Bingel vom Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hat mit anhand aktueller Experimente gezeigt, dass die Erwartungshaltung auch beim Wechsel von Medikamenten deren Wirksamkeit entscheidend beeinflusst. Das heißt: Hat zum Beispiel das erste Schmerzmedikament eine schlechte Wirkung gezeigt, wird auch die Wirkung des nächsten nicht zufriedenstellend sein. „Angesichts dieser Resultate erscheint etwa das Stufenschema der WHO zur Schmerzbehandlung mit der sukzessiven Anwendung immer stärkerer Arzneien als fragwürdige Strategie“, gab die Wissenschaftlerin gestern auf dem 85. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Hamburg zu bedenken.

Dass eine Krankheit offenbar gelindert werden kann, obwohl in der verabreichten Pille kein spezifischer Wirkstoff enthalten ist, empfanden Wissenschaftler und Ärzte bisher meist als störend. Placebo-Effekte werden im klinischen Alltag dabei nur selten genutzt, obwohl sie Experten zufolge ganz wesentlich zum Therapieergebnis beitragen könnten. Dies bedeutet nicht unbedingt, dass Placebo-Präparate eingesetzt werden, aber dass die Mechanismen der Placebo-Wirkung ausgenutzt werden: So ist beispielsweise belegt, dass die mit der Behandlung verbundene Erwartungshaltung einen großen Einfluss auf den Gesamterfolg einer Therapie hat.

Placebos gegen Schmerzen

„Intensive Forschungen in den vergangenen 30 Jahren haben Placeboeffekte und ihr negatives Gegenstück – Nocebo-Effekte – als komplexe psychoneurobiologische Phänomene entschlüsselt und viele der beteiligten Strukturen identifiziert“, so Dr. Bingel. „Jetzt ist es an der Zeit, dieses Wissen gezielt umzusetzen, um sowohl die Patientenbehandlung als auch die Aussagekraft klinischer Studien zu optimieren“. Sie hat mit ihrem Team untersucht, ob beim Wechsel von Medikamenten positive Effekte auftreten.

„Sehr häufig stehen Ärzte vor dieser Situation, dass eine Arznei nicht die gewünschte schmerzlindernde Wirkung zeigt. Man steigt dann um und probiert einen anderen Wirkstoff“, erläutert Dr. Bingel. Dabei wird jedoch die Erfahrung, die der Patient mit dem ersten Medikament gemacht hat, mitgenommen, und mindestens teilweise auf die Folgearznei übertragen.

Nocebo-Effekt durch Beipackzettel

Negative Erwartungen wecken auch die Beipackzettel, die aus juristischen Gründen allen verschreibungspflichtigen Arzneien hinzugefügt werden. „Sie sind aus Sicht der Nocebo-Forschung eine Katastrophe und machen flächendeckend Patienten krank, indem sie gerade jene Nebenwirkungen vermehrt hervorrufen, die dort aufgelistet sind“, kritisiert Dr. Bingel. Umgekehrt würde eine ausführliche Aufklärung über den zu erwartenden Nutzen einer Therapie – idealerweise durch den behandelnden Arzt – deren Wirksamkeit erhöhen.

„Der Schlüssel ist eine wertschätzende und einfühlsame Arzt-Patienten-Beziehung sowie eine verständliche Information über Erkrankung und Therapie, die die positiven Aspekte betont, ohne unrealistische Ziele zu setzen“, sagt die Neurologin. „Das ärztliche Gespräch bestimmt maßgeblich die Wirksamkeit von Therapien und muss deshalb auch entsprechend honoriert werden.“

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