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Wie schädlich sind Vitamintabletten?

Dem aktuellen SPIEGEL-Artikel “Die Vitamin-Lüge – Milliarden-Geschäfte mit überflüssigen Pillen” sind Vitaminpräparate und Nahrungsergänzungsmittel gefährlich. Die Industrie kritisiert, der Bericht sei zu einseitig. Sind Vitamintabletten wirklich gefährlich? (Kommentar)

Wie schädlich sind Vitamintabletten?

Wie schädlich sind Vitamintabletten? Foto: Flickr/CC

Der Spiegel zitiert gleich zum Einstieg eine große Studie, die 1994 veröffentlicht wurde. Knapp 30.000 finnische Männer, allesamt Raucher im Alter von 50 bis 69 Jahren waren an der Untersuchung mit Vitamin A und E beteiligt. Die Einnahme von Vitamin E veränderte das Lungenkrebsrisiko nicht – aber bei den Männern, die Beta-Carotin einnahmen, traten Lungentumore häufiger auf. Die Studie hat allerdings einen Haken. Die Dosis, die den Teilnehmern verabreicht wurde, liegt bei 20 Milligramm. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für gesunde Erwachsene eine tägliche Zufuhr von nur 0,8 bis 1,1 mg Vitamin A. Das sind etwa sechs Milligramm Beta-Carotin. Dass das Risiko eines Tumors auch für geringer dosierte Präparate stark erhöht ist, dafür gibt es bislang noch keine wissenschaftliche Belege. Das legt auch eine große Übersichtsarbeit nahe, die allerdings im Artikel nicht genannt wird.

So wird im Spiegel-Bericht also offenbar nicht zwischen “hochdosierten Mitteln” und Referenzwerten unterschieden. Zudem könnte man leicht den Eindruck aufgrund des Artikels gewinnen, dass Vitamin A dementsprechend immer und für jeden gefährlich ist. Die genannten Studien liegen sogar über den als sicher bewerteten Höchstmengen. Auch in der zweiten Studie, die laut Spiegel die Schädlichkeit von Vitaminen beweisen soll, erhalten die Probanden eine Überdosis. Hier sind es sogar 30 Milligramm Beta-Carotin. Ob die erhöhte Zufuhr von isoliertem Beta-Carotin auch für Nichtraucher ein Risiko darstellt, ist bislang laut Bundesinstitut für Risikobewertung nicht ausreichend erforscht. Beta-Carotin ist übrigens eine Vorstufe von Vitamin A, die vom Körper erst in Vitamin A umgewandelt werden muss.

Des weiteren besteht laut BfR noch Forschungsbedarf im Hinblick auf die unterschiedliche Wirkungsweise von natürlich gewonnenem Beta-Carotin im Gegensatz zu synthetisiertem Beta-Carotin. In den vom Spiegel zitierten Studien wurden Vitamin E und Beta-Carotin jeweils ausschließlich synthetisch hergestellt. Eine weitere Studie soll für Spiegel den Beweis bringen, wie schädlich Vitamine sein können. Im amerikansichen Ärzteblatt wurde eine Studie über Vitamin E und Prostatakrebs veröffentlicht. Wie die beiden anderen genannten Untersuchungen, ging es dabei um die Krebsprävention. Daher wurde den Propanden hochdosiertes Vitamin E und Selen verarbeicht. Die Dosis lag dabei mit 268 Milligramm weit über den von der DGE empfohlenen Mengen.

Sind daher die Schlussfolgerungen, die im Artikel gezogen werden richtig? Sind Vitamintabletten aufgrund dieser Studien wirklich gefährlich? In der renommierten Cochrane Library wurden die Autoren des einseitigen Artikels immerhin irdendwie fündig: Vitamin C kann die Sterblichkeit nicht senken. Das haben mehrere Studien belegen können. Allerdings geht von Vitamin C keine Gefahr aus. Eine weitere Studie soll nun den Beweis bringen: Auf der Probe standen Multivitamintabletten. Der Makel der Studie wird dabei immerhin im Spiegel-Artikel nicht verschleiert: Es war eine Befragung und keine randomisierte kontrollierte Doppelbindstudie, die immerhin zum Goldstandart in der Forschung gehört. Bei einer Doppelblindstudie wissen weder der Versuchsleiter noch die Teilnehmer in welcher Gruppe sie sind. Die Probanden wissen so nicht, ob sie nur ein Placebo erhalten.

Fazit: Eine ausgewogene Ernährung ist wohl zweifellos das beste. Dass die Industrie mit Vitaminen und Nahrungsergänzung Milliarden verdient, das mahnt natürlich zur Vorsicht. Vielfach fehlen wissenschaftliche Untersuchungen, die einen Nutzen von Nahrungsergänzungsmittel belegen können. Der Umkehrschluss legt aber keine akute und panikmachende Gefahr nahe.

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