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ADHS wird laut Studie zu oft diagnostiziert

In den letzten Wochen und Monaten äußerten sich immer wieder Ärzte und Wissenschaftler, die vor einer vorschnellen ADHS-Diagnose warnen. Jetzt zeigt auch eine Studie, dass die Überdiagnose von ADHS ein Problem zu sein scheint.

ADHS wird laut Studie zu oft diagnostiziert

ADHS wird laut Studie zu oft diagnostiziert

Leidet wirklich jedes Kind, das sich schlecht konzentrieren kann und zappelig ist an ADHS? Auch in Deutschland wird die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS offenbar zu häufig gestellt. Darauf deutet eine Studie hin, die im Journal of Consulting and Clinical Psychology veröffentlicht wurde(2012; 80: 128-138). Demnach haben die ADHS-Diagnosen in den USA einen neuen historischen Gipfel erreicht. Eine Überdiagnose wird als Ursache für die steigenden Zahlen an ADHS-Kranken diskutiert.

Kritiker sehen teilweise ausgeklügelte Marketingstrategen der Pharmalobby am Werk, die ADHS sogar nur erfunden haben. In Deutschland gehen Experten davon aus, dass ein Großteil der ADHS-Diagnosen falsch sind. Denn viele Ärzte Fragen sich, warum die Krankheitsälle in den letzten Jahren so steil nach oben geschossen sind. Die Menge an Verschreibungen des ADHS-Medikaments Ritalin hat sich in den letzten Jahren vervielfacht. Von 34 Kilo im Jahr 1993 auf fast 1,8 Tonnen im Jahr 2010. Demnach scheinen immer mehr Kinder, darunter vor allem Jungen, an der Krankheit ADHS zu leiden.
Forscher warnten erst kürzlich vor vorschnellen ADHS-Diagnosen. Denn auch in Deutschland gibt es einen explosionsartigen Anstieg: Die Zahl der ADHS-Diagnosen stieg in Deutschland zwischen 1989 und 2001 um 381 Prozent. Silvia Schneider und Jürgen Margraf von der Ruhr-Universität Bochum glauben nicht, dass dieser Anstieg nur auf eine verbesserte Diagnostik oder gar auf eine Zunahme der Erkrankung zurückzuführen ist. Sie gehen davon aus, dass viele Psychotherapeuten und Psychiater stellen die Diagnose zu leichtfertig.
Zusammen mit der Universität Basel wollten die Forscher dies genauer wissen: Sie schrieben 1.000 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater an. Sie legten ihnen zweimal vier Vignetten von typischen Fällen bei Jungen und Mädchen vor, von denen aber nur jeweils ein Junge und ein Mädchen alle Diagnosekriterien für ADHS erfüllten. Bei den anderen lag streng genommen kein ADHS vor.Das Ergebnis: Die Therapeuten stellten dennoch auch bei 16,7 Prozent dieser Kinder die Diagnose ADHS. Bei Jungen wurde die Fehldiagnose doppelt so häufig gestellt wie bei Mädchen. Zudem hing es auch vom Geschlecht des Arztes ab: Männliche Therapeuten diagnostizierten signifikant häufiger ein ADHS als weibliche.
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